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Lebenswaage im Gleichgewicht?

 

Am Ende eines jeden Jahres neigen wir dazu, Bilanz zu ziehen und das abgelaufene Jahr zu saldieren. Bilanz – das italienische Wort „bilancio“ heißt so viel wie: Gleichgewicht (der Waage). Das entsprechende Verb „bilanciare“ bedeutet abwägen, im Gleichgewicht halten. Genau dies versuchen wir häufig in den letzten Stunden des Jahres: Wir schauen auf das Gute und Schlechte der Vergangenheit, versuchen beides zu sehen und sind zufrieden, wenn sich die Waage nicht zu sehr zur schlechten Seite neigt.

Dabei bleiben wir häufig auch bei der Frage stehen, wo die letzte Woche, der letzte Monat, das letzte Jahr geblieben ist. Kürzere Arbeitszeiten, längere Urlaube, ein durchschnittlich längeres Leben erlauben uns eigentlich, die Zeit eher „gestreckt“ zu empfinden. Stattdessen rast sie oft nur so an uns vorbei, und viele gefasste Vorsätze blieben auf der Strecke, fanden nicht ihren Platz in der Prioritätenliste. „Ich eile, also bin ich“ könnte eine Lebensüberschrift lauten.

Um hier zu einem Ausgleich zu kommen, ein „Gleichgewicht“ herzustellen, mag zunächst ein Bild herhalten, das vier leeren Holzfässern gleicht, auf denen ein schwankendes Floß ruht.

Um auf diesem nicht die Balance zu verlieren, müssen die Fässer in etwa gleich groß und fest mit dem Floß verbunden sein.

Diese vier Fässer tragen die Beschriftung

 

- Beruf und Finanzen

- Gesundheit und Fitness

- Familie und soziale Kontakte

- Sinn des Lebens / Glaube / Kultur.

 

Diese „Fässer“ tragen unser Leben durch die Zeit. Doch was heißt es, darauf das Gleichgewicht zu behalten?

Sicherlich bedeutet das nicht, ein Gleichgewicht im physikalischen Sinne herzustellen und die Schwerpunkte mathematisch exakt berechnet auszubalancieren.

Entscheidend ist vielmehr eine verhältnismäßige Ausgewogenheit der verschiedenen Lebensbereiche – und das auch sicher mit der Option, die Schwerpunkte im Laufe des Lebens abschnittsweise unterschiedlich auszugestalten.

Es geht also nicht um eine quantitative, am Rechenschieber ermittelte Balance, sondern um eine qualitative, bei der keiner der Lebensbereiche nachhaltig zu kurz kommt. Dabei kann es durchaus vorkommen, dass aufgrund einer Überbeanspruchung in einem der Bereiche, häufig dem des Berufes, eine Verschiebung stattfindet, die dazu führen kann, dass das Leben vorübergehend aus dem Gleichgewicht zu gelangen droht. Nicht so schlimm und völlig normal – solange es denn nur vorübergehend so bleibt und die einseitige Fixierung nicht zur Gewohnheit wird.

Interessant ist, wie sich die Schwerpunkte in den verschiedenen Bereichen untereinander gestalten.

Unsere Gesellschaft erwartet regelmäßig, dass wir – wie oben auch dargestellt – an die erste Position die Rubrik „Beruf und Finanzen“ setzen. Erst danach denkt die breite Masse an die Gesundheit, an die Gründung einer Familie, an den Sinn des Lebens.

Dies befremdet eigentlich, da die Reihenfolge umgekehrt betrachtet einen deutlich tieferen Sinngehalt entfaltet.

Sollten wir uns nicht zuerst darüber im Klaren sein, was wir mit unserem Leben anfangen wollen, was für uns persönlich der Sinn des Lebens ist, welche Werte und Maßstäbe unser Leben prägen?

„Mit Gott!“ lautet die zentrale Botschaft des Jahresauftaktgottesdienstes am Neujahrstag – eine Wegweisung, der wir uns direkt am Jahresanfang stellen. Aber beherzigen wir sie auch?

Ich denke, das vierte Fass muss das tragfähigste sein und gewissermaßen das Zünglein an der Waage sein – letztlich bestimmend, ob Ausgeglichenheit, Balance, Gleichgewicht vorliegt. Oder eben auch nicht.

Nehmen wir ein weiteres Bild aus einer anderen Perspektive mit Blick auf die Ausgeglichenheit.

Stellen wir uns unser Leben wie eine Waage vor mit zwei Waagschalen.

Waagen, wie es sie in Apotheken gibt oder auf dem Markt, wo mit Hilfe von Kontergewichten versucht wird, ein Gleichgewicht zur gekauften Ware herzustellen, um dann den Preis zu ermitteln. Wenn die Waagschalen leer sind, dann ist der Balken zwischen den beiden waagerecht, die ganze Geschichte ist ausgeglichen. Befindet sich etwas in einer der Waagschalen, beginnt es, schwieriger zu werden.

So ähnlich geht es uns, wenn wir geboren werden. Die Waagschalen unseres Lebens sind leer – es sind noch keine Sorgen darin, kein Ärger, kein Hass, keine Ängste. Der Balken ist gerade, unser Leben ist ausgeglichen.

Doch dann kommen die Jahre unseres Lebens, und eine Waagschale füllt sich mit den ganzen Alltagssorgen, die uns oft den Nerv rauben und zum Teil bis in den Schlaf verfolgen. Und wenn sich eine Waagschale füllt, senkt sie sich unweigerlich tiefer hinab. Der Balken zwischen den Schalen wird schräg. Das Leben gerät in eine Schieflage.

Was bringt uns aus dem Gleichgewicht?

Schauen wir in die Versuchungsgeschichte Jesu (vgl. Matthäus 4).

Jesus musste sich den Grundversuchungen des Menschseins stellen:

 

Die Aufforderung "Sprich, dass diese Steine Brot werden" beinhaltet die Versuchung, sich unentbehrlich zu machen und wichtig zu sein.

Die Aufforderung "Wirf dich von der Zinne des Tempels" beinhaltet die Versuchung, sich "in Szene zu setzen" und beliebt zu machen.

Das Versprechen "Alle Reiche der Welt will ich dir geben" beinhaltet die Versuchung scheinbar absoluter Macht und Kontrolle.

 

Wenn diese Versuchungen die Lebensorientierung unterwandern, führt das zu einer unseligen Werteverschiebung. Ich verliere mein menschliches Maß und leite meine Identität weitgehend davon ab, was ich leiste, wie angesehen ich bin und wie viel Einfluss ich habe.

Wie gelingt es uns, mitten im Alltag unser inneres Gleichgewicht zu erhalten?

Lassen wir den Glauben in unser Leben treten und Raum gewinnen.

Vordergründig denken wir dann vielleicht:

Prima, Gott räumt die Waagschale mit den ganzen Sorgen und Lasten unseres Lebens auf. Er nimmt alles heraus, was dort für ein Ungleichgewicht sorgt und lässt es verschwinden. Gott macht unser Leben wieder ausgeglichen.

Aber genau das passiert nicht. Er ist nicht der, der eine Last nach der anderen von uns nimmt, bis uns nichts mehr im Leben beschwert. Im Gegenteil: Jesus sagt: „Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ Er legt uns also noch zusätzliche Lasten auf.

Wie soll die Waage unseres Lebens jemals ins Gleichgewicht kommen, wenn auch Jesus nur Lasten für uns hat, mag da gefragt werden.

Und nun kommt der entscheidende Punkt: Die Last, die Jesus uns auferlegt, kommt in die andere Waagschale. Die ist das Gegengewicht zu unseren eigenen Lasten. Gerade diese „Lasten des Glaubens“ bringen unsere Waage wieder ins Gleichgewicht. Diese Aufgaben, die der Glaube uns stellt: Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Opferbereitschaft, Gemeinschaftssinn und vieles mehr. Diese scheinbaren Lasten machen unser Leben letztlich durch Jesus Christus leicht.

Darum dürfen wir die Last Jesu Christi ruhig annehmen. Sie macht unser Leben erträglich. Sie ist das Geheimnis der Ausgeglichenheit. Sie ist mit ein Geheimnis des Glaubens.

31. Dezember 2007
Text: Andreas Hebestreit

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