Wer hatte sie als Kind nicht – diese Träume, später etwas Besonderes zu werden und sich abzuheben vom Alltagsgrau. Wer wollte nicht schon einmal Rennfahrer, Astronaut, berühmter Künstler oder Sportler, manchmal auch nur Feuerwehrmann werden – und erlernte dann doch einen völlig anderen Beruf, weil das Vermögen einfach nicht ausreichte oder aber die Interessen sich veränderten. Nicht immer enden diese eintretenden Veränderungen tragisch. Schmerzhaft wird es jedoch, wenn sie mit festen Grundüberzeugungen kollidierten oder ein zunächst verheißungsvoll beschrittener Weg abrupt an einer unüberwindbaren Grenze endete.
Empfehlenswert ist es dazu vorweg sogar, die knapp zehn Bibelseiten, die das Buch "Kohelet" (je nach Ausgabe) umfasst, ganz und nicht nur punktuell zu lesen. Zeitlos erscheinende Satzperlen wie "Es geschieht nichts Neues unter der Sonne", "Tote Fliegen verderben gute Salben", "Wer eine Grube gräbt, der kann selbst hineinfallen" oder "Das Geld muss alles zuwege bringen" lassen erkennen, dass der Verfasser des Textes ein scharfes Auge und einen guten Blick auf das Treiben in seinem Umfeld hatte.
Gleichwohl wäre es zu kurz gesprungen, den Prediger Salomo lediglich an seinen Lebensweisheiten zu messen. Die Gesamtaussage ist entscheidend, und die herauszufiltern, gar nicht so einfach. Denn das Buch fächert Spannbreiten auf, die Leser mit einseitig orientierter Wahrnehmung verzweifeln lassen könnten: So wird auf der einen Seite der Wert der Askese beschrieben, auf der anderen nahezu freudig vom Genuss geschwärmt (vgl. etwa Prediger 5, 9 gegenüber 9, 7). Er warnt vor dem Wohlstand und preist gleichzeitig die angenehmen Seiten des Wohlergehens (vgl. Prediger 5, 12f gegenüber 5, 18). Die Frage, was denn nun aus der Sicht des Predigers die Antwort auf der Suche nach einem glücklichen Leben sei, erscheint vordergründig mehrdeutig. So ist zunächst zu konstatieren, dass der Prediger aus der Sicht eines Begüterten schreibt: Er hat Reichtum erworben (vgl. etwa Prediger 2, 4ff), Weisheit erlangt (1, 16) und sich Vieles erarbeitet. Doch all das reichte ihm nicht: "Alles ist eitel" ist sein häufig zu lesendes Fazit.
Seine Erkenntnis mündete in dem Satz: "Carpe Diem! Nütze den Tag!". Ein Irrtum wäre es allerdings, nun anzunehmen, der Prediger wolle damit lediglich dem Trachten nach Genuss Bahn brechen: Er verknüpft dies stets mit dem Blick hin zu Gott und sagt: Genieße das Leben nicht um des Genusses willen, sondern deswegen, weil Gott es dir schenkt. Gott ist seine "Adresse der Dankbarkeit" (vgl. etwa Prediger 5, 18, 19 oder - besonders schön - 9, 9). Die richtige Haltung zum Leben nimmt also der ein, der sich und sein Leben als Geschenk Gottes sieht (siehe 2, 24).
Auch uns käme es wohl befremdlich vor, machten wir jemandem ein Geschenk, und dieser würde sich nur bedanken, ohne es auszupacken. Die Annahme der guten Gaben Gottes in Dankbarkeit ihm gegenüber ist die Haltung, die den bewussten Genuss vom bloßen Konsum unterscheidet. Nicht von ungefähr greift auch Paulus diesen Gedanken in 1. Thessalonicher 5, 18 auf - übrigens ein Gedanke, den auch Bezirksapostel Brinkmann in seinem Grußwort zum neuen Jahr mit Blick auf einen Gottesdienst des Stammapostels in Luanda / Angola bearbeitet und vertieft. Dankbarkeit, so der Prediger, führt zu einer gewissermaßen "bewusstseinserweiternden" Kunst, das Leben so zu genießen, wie es uns geschenkt wird. Den Lebensanker in der Dankbarkeit festzumachen, schenkt uns als "Zugabe" Gottes die Möglichkeit, jeden Tag als Chance zu sehen - und nicht als eine Aneinanderreihung von Schwierigkeiten und Problemen, durch die man sich quälen muss.
Der amerikanische Psychologe und Hochschullehrer Martin E. P. Seligman wollte herausfinden, was Einfluss auf das Lebensglück hat. Er stellte fest: Öffnet einen externen Link in einem neuen FensterDankbarkeit ist einer der Schlüssel dazu. Dankbarkeit öffnet den Blick für die guten Dinge im Leben, die man in der Rückschau konnotieren darf. Wem dies zu abgehoben erscheint, mag das Gesangbuch zur Hand nehmen und das Öffnet einen externen Link in einem neuen FensterLied Nr. 214 aufschlagen...
Seligman (ist der Name Lebensprogramm...?) schreibt: Ich mache mit meinen Kindern jeden Abend eine Übung. Ich schreibe vor dem Zubettgehen drei Dinge auf, die an dem Tag gut gelaufen sind. Und ich stelle fest, dass sogar an den schlimmsten Tagen immer etwas Positives passiert.
Schön, wenn diese positiven Einträge im inwendigen Tagebuch unseres Lebens verknüpft sind mit einer Dankbarkeit dem gegenüber, der sie uns schenkt: Gott.
Mit Blick auf 1. Timotheus 4, 4 wünschen wir allen Leserinnen und Lesern ein Jahr 2009, das unzählige Momente der Dankbarkeit schenkt.
Carpe Diem!
16. März 2009
Text:
Andreas Hebestreit
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