„Aus der Tiefe rufe ich, Herr zu dir.“ Mit nur wenigen, aber sehr bildgewaltigen Worten im 130. Psalm schildert der Psalmist seine Not, die im weiteren Bibeltext nicht näher beschrieben wird. Klar wird nur: „Aus der Tiefe“ dringt der Schrei zu Gott. Möglichweise aufgrund tödlicher Bedrohung, innerer Verfinsterung, einer eingetretenen Entfremdung zu Gott. Heute würde man vielleicht von Existenz- und Lebensängsten, Depressionen oder einem Burnout reden.
Das Bild der „Tiefe“, welches der Psalmdichter aufgreift, wird im Alten Testament häufiger gezeichnet. In den Psalmen finden wir es zum Beispiel auch in Psalm 88, 7 oder 69, 3, 15. Der Prophet Jeremia musste, so berichtet die Heilige Schrift, sogar am eigenen Leibe erfahren, was es bedeutet, wortwörtlich in der Tiefe und im Schlamm ausharren zu müssen: Er wurde in einer birnenförmigen, dunklen, schlammigen Zisterne gefangen gehalten, aus der er sich nicht selbst befreien konnte (vgl. Jeremia 38). Es ist gut möglich, dass persönliche Eindrücke dieser Art auch alttestamentliche Jenseitsvorstellungen prägten: Seelen, die im Dunkel gefangen sind und sich nicht selbst befreien können, die schreien müssen, um gehört zu werden – dort aus der Tiefe, dort aus dem Schlamm.
„Dem Leidenden ist nichts klar“ (Martin Ebner), und so verwundert es nicht, dass aus dem Leid geborene Desorientierung wie Salzsäure auf Beziehungen einwirkt: Sie nagt an der Beziehung zu Gott, an der zum Nächsten und an der zu sich selbst. Alle drei Formen finden sich in den Psalmen wieder und machen sie deswegen zu einem lebensnahen Buch der Heiligen Schrift, das das menschliche Leben im doppelten Sinne des Wortes „verdichtet“. Gelesen ist es an einem kurzen Abend, gelebt und gelitten wird in Wochen, Monaten, Jahren oder auch lebenslänglich.
Wer kennt sie nicht, die gestörte Beziehung zu Gott, weil seine Nähe nicht fühlbar wird? David beschreibt es im 13. Psalm mit den Worten: „Herr, wie lange willst du mich so ganz vergessen? Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir?“ (Psalm 13, 2) Interessant auch die Worte, die David in Psalm 22, 2 wählt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (vgl. dazu Matthäus 27, 46)
Wer kennt sie nicht, die gestörte Beziehung zum Nächsten, weil es Konflikte, Enttäuschungen, Anfeindungen gab? Auch hier wimmelt es in den Psalmen nur so von geschilderten Beziehungen zwischen Menschen, die alles andere als intakt sind (vgl. etwa Psalm 35 oder 55).
Und wer kennt sie nicht, die gestörte Beziehung zu sich selbst, den Verlust der Selbstachtung, das Aufkommen von Selbstzweifeln und die Frage nach dem Sinn der eigenen Existenz?
„Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und verachtet vom Volke. Alle, die mich sehen, verspotten mich, sperren das Maul auf und schütteln den Kopf.“ schreibt David in Psalm 22, 7, 8 mit bildhaften Worten.
All dies macht deutlich: Das Klagen ist erlaubt! Denn Leid, das keine Worte finden darf, wird unerträglich. Die Psalmen machen es vor. Sie beschreiben Konflikte und Konfliktgespräche mit Gott, mit dem Nächsten, mit sich selbst.
In all ihrer Leidenschaftlichkeit kennen die Psalmen eins allerdings nicht: Gleichgültigkeit. Sie suchen Auswege aus der Not und lassen sich nicht in sie hineinfallen.
Schauen wir noch einmal in den 13. Psalm, stellen wir fest, dass er die oben skizzierten Elemente Konflikt mit Gott (Vers 2), Konflikt mit sich selbst und Konflikt mit dem Umfeld (Vers 3) enthält, sich aber nicht darin erschöpft. Das Leid ist nicht ausschließlich Auslöser von Klagen, sondern macht durch diese die danach vorgetragenen Bitten um Erhörung und Erleuchtung, um Gnade (vgl. Verse 4 und 5), erst wirklich deutlich und gewichtig. Diese Bitten machen wiederum klar: Trotz des Leids, trotz der Klagen ist noch Vertrauen da – und dieses äußert sich zum Ende hin, gipfelnd in Freude und Lob:
„Ich aber traue darauf, dass du so gnädig bist; mein Herz freut sich, dass du so gerne hilfst. Ich will dem Herrn singen, dass er so wohl an mir tut.“
Dieser Stimmungsumschwung findet sich – mit einer Ausnahme – in allen Klagepsalmen. Er weist auf eine nahezu durchweg gemachte Erfahrung hin: Gott hilft. Er greift ein. Er bringt die Wende. Er rettet aus Not.
Die Klagepsalmen zeigen uns Vieles, im Kern jedoch zweierlei auf: Es gab auch zur Zeit des Alten Testamens Menschen, die nicht im Zustand der Gottverklärtheit und Abgehobenheit lebten, sondern alle Höhen und Tiefen des Lebens durchlitten – und dies schriftlich in unsere Zeit „hineingerettet“ haben. Und: Sie zeigen durch diese Psalmen einen Weg auf, um aus den Tiefen des Lebens wieder aufzusteigen. Jeremia wurde in aussichtsloser Lage mit einem Seil und einer Schlaufe aus Lumpen wieder aus der Grube herausgezogen (vgl. Jeremia 38, 10 – 13). Am Ende steht die Errettung, so die fast durchgängige Erkenntnisvermittlung der Heiligen Schrift.
Wem dies zu sehr durch die rosarote Brille eingefärbt erscheint, mag sich mit der einen Ausnahme beschäftigen, die bei den Klagepsalmen aus dem sonst üblichen Raster fällt. Es ist der 88. Psalm von Heman, dem das gute Ende fehlt. Er ist Platzhalter für Situationen, die so schlimm sind, dass sich Hinweise auf ein gutes Ende verbieten. Gleichwohl vermittelt er eins: Das Rufen zu Gott und damit die Verbindung zu ihm hatte Heman trotz fehlender Hilfe nicht aufgegeben.
Ich habe die Nacht einsam hingebracht
und ich habe schließlich die Psalmen gelesen,
eines der wenigen Bücher,
in denen man sich restlos unterbringt,
mag man noch so zerstreut
und ungeordnet und angefochten sein.
(Rainer Maria Rilke)
28. März 2009
Text:
Andreas Hebestreit
Datenschutzeinstellungen
Mit Hilfe einiger zusätzlicher Dienste können wir mehr Funktionen (z.B. YouTube-Video-Vorschau) anbieten. Sie können Ihre Zustimmung später jederzeit ändern oder zurückziehen.
Datenschutzeinstellungen
Diese Internetseite verwendet notwendige Cookies, um die ordnungsgemäße Funktion sicherzustellen. Jeder Nutzer entscheidet selbst, welche zusätzlichen Dienste genutzt werden sollen. Die Zustimmung kann jederzeit zurückgezogen werden.
Einstellungen
Nachfolgend lassen sich Dienste anpassen, die auf dieser Website angeboten werden. Jeder Dienst kann nach eigenem Ermessen aktiviert oder deaktiviert werden. Mehr Informationen finden sich in der Datenschutzerklärung.
