Nach mehr als 40 Jahren aktivem Dienst als Seelsorger in der Neuapostolischen Kirche, wird Evangelist Rainer Gutenschwager von Apostel Denker in dem Gottesdienst am 12.03.2025 in der Gemeinde Oer-Erkenschwick in den Ruhestand versetzt.
Dieses besondere Ereignis war für die Redaktion Anlass, ein Interview mit dem künftigen Ruheständler zu führen.
Red: Lieber Rainer, herzlichen Dank, dass wir mit dir dieses Interview führen können.
Zuerst möchten wir dich fragen, wann und für welche Gemeinde du deinen ersten Amtsauftrag erhalten hast?
R.G.: Im Oktober 1984 erhielt ich das damals noch existierende Amt eines Unterdiakons für die Gemeinde Bochum-Kaltehardt.
Red: Welche (Gemeinde)Stationen hast du dann erlebt?
R.G.: Durch einen Umzug von der Kaltehardt in Bochum zur Haard in Marl wurde für meine Frau und mich die Gemeinde Marl-Sinsen neue Heimatgemeinde. Für diese Gemeinde wurde ich im Februar 1999 als Unterdiakon bestätigt, im Juni 2001 als Priester gesetzt und im April 2006 als Gemeindeleiter beauftragt. Zum Jahreswechsel Ende 2010 erhielt ich die Beauftragung zum Vorsteher der Gemeinde Oer-Erkenschwick-Nord als Nachfolger von Priester Jürgen Nagel. 9 Monate war ich dann Doppel-Vorsteher für Marl-Sinsen und OE-Nord, bis die Fusion der Gemeinde Sinsen mit der Gemeinde Recklinghausen-Nord vollzogen war.
Mit der Fusion der beiden Erkenschwicker Gemeinden im Oktober 2014 setzte mich Apostel Walter Schorr ins Evangelistenamt mit der Beauftragung als Gemeindeleiter für die neu entstandene Gemeinde. Priester Rüdiger Gasser, langjähriger Vorsteher von Oer-Erkenschwick-Süd, wechselte als Priester in die Gemeinde Datteln.
Red: Du wurdest Vorsteher in der Gemeinde OE-Nord. Eine Gemeinde, deren Mitglieder du bis dahin kaum bis gar nicht kanntest. Mit welchen Empfindungen/ Erwartungen hast du die Aufgabe übernommen und wie hast du es dann tatsächlich dort erlebt?
R.G.: Tatsächlich kannte ich die neue Gemeinde gar nicht. Ich fühlte mich wie Abraham, dem Gott sagte: „Ziehe in ein Land, dass ich dir zeigen will.“ Der seinerzeit tätige Bezirksälteste Nieland köderte mich mit der Aussage: „Das ist eine liebe Gemeinde. Du wirst dich wohlfühlen!“ Die Kirche war an dem Tag des Gottesdienstes, an dem der Vorsteherwechsel erfolgen sollte, rappelvoll. Alle hatten einen Platz, nur ich nicht. Die Amtsbrüder der Gemeinde hatten allen einen Sitzplatz zugewiesen, mich hatte man vergessen. Das war schon lustig, aber nicht absichtlich. Es dauerte nicht lange, da spürten wir, meine Frau und ich: „Das ist tatsächlich eine liebe Gemeinde, hier bleiben wir.“ Allerdings muss ich zugeben, dass ich noch heute nicht alle Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb der Gemeinde kenne; und ehrlich, ich habe es aufgegeben danach zu forschen.
Red: Du hast als Vorsteher von OE-Nord die Fusion mit der Gemeinde OE-Süd aktiv erlebt. Wie bewertest du rückblickend diesen Prozess?
R.G.: Eine Fusion hinterlässt immer Spuren, Spuren der Wehmut und Traurigkeit, aber auch Ängste und Sorgen. Und bis jeder wieder seinen Platz gefunden hat, braucht es Zeit. Manchmal gab es Reibung innerhalb der Gemeinde, aber bekanntlich erzeugt Reibung Wärme. Heute ist aus dieser Wärme eine Wohlfühlgemeinde geworden. Augenzwinkernd sehe ich das rückblickend auch als eine Generalprobe für die ewige Gemeinschaft mit Gott im Himmel, die große Fusion mit der „erwählten Schar“.
Red: Welche verschiedene Funktionen hast du im Lauf deiner Tätigkeit in der Gemeinde oder im Bezirk wahrgenommen?
R.G.: Mit der Priesterordination für die Gemeinde Marl-Sinsen wurde ich gleichzeitig Jugendleiter der Gemeinde und zwischen 2005 und 2011 auch Bezirksjugendleiter für den Bezirk Recklinghausen. Die Jahre als Vorsteher haben mich schnell altern lassen (lacht!), so dass ich von der Jugendbetreuung direkt in die Seniorenbetreuung wechselte. Für 1,5 Jahre ab Mai 2015 war ich als Seniorenbetreuer für die heimische Gemeinde da und unterstützte die letzten 4 Jahre die Seniorenzusammenkünfte aktiv.
Red: Wie konntest du deine Amtstätigkeiten mit deiner beruflichen Tätigkeit (zeitlich) vereinbaren?
R.G.: Die Woche hat 7 Tage. Mein beruflicher Arbeitsvertrag war auf 40 Stunden die Woche festgesetzt, die restlichen 128 Stunden waren für die Kirche da. Nein, so war es nicht und so geht es nicht. Es war schon immer ein Jonglieren mit der Zeit. Aufgrund meines langen Arbeitsweges nach Wuppertal, kamen noch unvorhergesehene Zeitfresser wie Stau oder Schlechtwetter dazu. Nicht selten habe ich meine Frau von unterwegs angerufen, dass sie mir Hemd, Anzug und Schuhe in den Flur stellt, damit ich von einer Jacke in die andere springen konnte.
Und da bin ich gleich beim Punkt: Ohne meine Frau wäre vieles nicht möglich gewesen. Ihre Unterstützung beschränkte sich nicht nur auf oben genannte Hilfe bei Zeitnot, sondern wir hatten eine klassische Rollenverteilung: Ich Beruf und Kirche, sie den Rest. So etwas ging bei uns, aber entspricht nicht mehr dem heutigen Verständnis von Arbeitsteilung in einer Ehe und Familie.
Red: Hast du ein Beispiel für ein besonders schönes Erlebnis in deiner Amtszeit?
R.G.: Ein ganz besonderes Erlebnis will ich da gar nicht hervorheben. Es gab eine Menge an Erlebnissen und Erfahrungen im Laufe der Zeit. Nicht alle Erlebnisse waren spektakulär, aber sehr prägend. Die Hilfe Gottes wurde immer dann zum Erlebnis, wenn ich mich ganz auf Gott verließ und nicht auf meine Fähigkeiten. Ich musste das lernen, und darum war und ist auch mein Motto, wie es im Chorlied heißt: „Mach mich, RAINER, immer kleiner, mach zufriedener mein Herz.“
Red: Schon während deiner aktiven Zeit als Vorsteher warst du auch Chormitglied. Bleibst du weiterhin in dieser Aufgabe?
R.G.: Nach der Coronazeit bin ich in den Chor mit eingestiegen. Es fehlten männliche Stimmen. Jetzt bin ich schon mal da, ich bleibe.
Red: In welchen Bereichen möchtest du dich auch zukünftig gerne mit einbringen?
R.G.: Ich steige aus der 1. Reihe aus und bringe mich da ein, wo mein neuer Vorsteher mich gebrauchen kann.
Red: Wenn du jemandem die Gemeinde Oer-Erkenschwick beschreiben müsstest, was würdest du sagen?
R.G.: Ich nehme ein Psalmwort und ändere es zu Gunsten der Gemeinde (es sei mir verziehen): „Schmecket und sehet, wie freundlich Oer-Erkenschwick ist. Wohl dem, der auf sie trauet!“ (Ps.34,9)
Red: Lieber Rainer, herzlichen Dank, dass du uns ein bisschen Einblick in dein Herz und dein "Amtsleben" gegeben hast. Auch wir als Redaktion möchten dir herzlich für dein liebevolles Wirken danken und freuen uns auf die entspannte Zusammenarbeit mit dir im Ruhestand.
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